Bauhaus in Weimar: Ein Rundgang für Design- und Architekturfans
Von den Van-de-Velde-Bauten über das Bauhaus-Museum bis zum Gauforum: eine Route durch hundert Jahre Architekturgeschichte in Weimar.

Weimar ist nicht nur die Stadt von Goethe und Schiller. Auf denselben paar hundert Metern liegt auch der Ort, an dem 1919 eine Schule gegründet wurde, die die Gestaltung des 20. Jahrhunderts geprägt hat: das Bauhaus. Wer sich für Architektur, Design und die Geschichte dahinter interessiert, findet in Weimar eine ungewöhnlich dichte Route, von Jugendstilfassaden über einen fensterlosen Betonkubus bis zu einer Teekanne, die heute in den großen Designmuseen der Welt steht.
Wo alles begann: die Van-de-Velde-Bauten
Ausgangspunkt ist die Bauhaus-Universität an der Geschwister-Scholl-Straße, genauer zwei Gebäude des belgischen Jugendstilarchitekten Henry van de Velde. Das Hauptgebäude (1904 bis 1911) und der etwas kleinere Van-de-Velde-Bau (1905/1906) sind seit 1996 UNESCO-Welterbe und bis heute in Nutzung. Im Treppenhaus des Hauptgebäudes steht eine echte Rodin-Skulptur, die Eva von 1881, ein Geschenk des Kunstmäzens Harry Graf Kessler. Ein Stockwerk weiter oben liegt das originalgetreu rekonstruierte Gropius-Zimmer, ein würfelförmiger Raum mit kubischen Möbeln, komplett ohne Ornament. Im Werkstattgebäude finden sich zwei Reliefs von Oskar Schlemmer, die 1930 auf Anweisung der Nationalsozialisten abgeschlagen und erst 1979 rekonstruiert wurden. Wer den Campus verlässt und ein Stück weiter zum Ilmpark geht, findet mit dem Haus Am Horn von 1923 das einzige Gebäude, das das Bauhaus in Weimar tatsächlich selbst gebaut hat, ein früher Prototyp für serielles, funktionales Wohnen.


Ein Museum, jünger als seine eigene Sammlung
Am nördlichen Rand der Altstadt, am Stéphane-Hessel-Platz, steht das Bauhaus-Museum Weimar, ein fensterarmer Betonkubus der Berliner Architektin Heike Hanada, eröffnet 2019 zum hundertsten Jubiläum der Bauhaus-Gründung. Die Fassade trägt 24 horizontale LED-Linien, die bei Dämmerung zu leuchten beginnen. Gezeigt wird die weltweit älteste museale Bauhaus-Sammlung: 1925, beim erzwungenen Umzug nach Dessau, wählten Walter Gropius und der damalige Museumsdirektor Wilhelm Köhler rund 168 Werkstattstücke aus und legten damit den Grundstein für eine Sammlung, die heute auf rund 13.000 Objekte angewachsen ist.
Der Blick, der einschüchtern soll: das Gauforum
Direkt gegenüber dem Bauhaus-Museum liegt eine der unbequemsten Adressen Weimars: das Gauforum, ab 1937 nach Plänen von Hermann Giesler als NS-Prestigeprojekt errichtet, unter Einsatz von Häftlingen des KZ Buchenwald und nach dem Abriss von 139 Häusern der Jakobsvorstadt. Es ist das einzige in Deutschland fast vollständig ausgeführte Gauforum: monumentale Horizontalität, strenge Achsensymmetrie, Proportionen, die bewusst einschüchtern sollten. Für Architektur- und Designinteressierte ist genau diese Nachbarschaft der eigentliche Clou der Route, denn auf derselben Blickachse stehen das demokratischste Kulturprojekt, das Deutschland je hatte, und die größte NS-Machtarchitektur Thüringens. Heute ist im Turmhaus eine Dauerausstellung zur Geschichte des Ortes zugänglich, im Gebäudekomplex auch das Museum Zwangsarbeit im Nationalsozialismus.
Die Frauen, die das Bauhaus mitgeprägt haben
Das Gründungsprogramm des Bauhauses versprach 1919 Gleichheit zwischen den Geschlechtern, in der Praxis wurden die meisten Studentinnen trotzdem in die Webwerkstatt gelenkt. Marianne Brandt bestand darauf, stattdessen in die Metallwerkstatt aufgenommen zu werden, und entwarf dort 1924 die Teekanne MT 49, die heute in bedeutenden Designsammlungen weltweit steht. Gunta Stölzl machte aus der Webwerkstatt die profitabelste Werkstatt des gesamten Bauhauses und wurde als einzige Frau je zur Jungmeisterin ernannt. Alma Siedhoff-Buscher entwarf Kindermöbel und ein kleines Bauspiel, das noch heute produziert wird. Wer nach den bekannten Bauhaus-Namen fragt, hört meist zuerst Gropius, Klee, Kandinsky, die Geschichte der Frauen am Bauhaus gehört genauso dazu.

Teekanne MT 49 von Marianne Brandt, 1924, Bauhaus-Museum Weimar. Foto: Sailko, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons.
Pausenorte mit Haltung
Direkt neben dem Bauhaus-Museum liegt das Neue Museum Weimar mit einer Ausstellung zur Vorgeschichte des Bauhauses, mit Bezug zu Henry van de Velde und dem Kunstmäzen Harry Graf Kessler, der auch die Rodin-Skulptur an der Bauhaus-Universität gestiftet hat. Sowohl im Neuen Museum als auch im Bauhaus-Museum selbst gibt es ein kleines Café für eine Pause zwischen den Stationen. Das mon ami am Goetheplatz, ein klassizistischer Bau von 1858 bis 1860, war nacheinander Tanzsaal, NS-Verwaltungssitz und DDR-Jugendklub und ist heute Kulturzentrum mit Kino. Ein paar Schritte weiter liegt der Künstlergarten am Theaterplatz, eine kleine grüne Kulturoase mit wechselndem Konzertprogramm.
Wer lieber draußen sitzt, packt sich ein Picknick und geht in den Park an der Ilm, zum Beispiel mit Blick auf das Tempelherrenhaus. Die Ruine war ab 1919 das Weimarer Atelier des Bauhaus-Meisters Johannes Itten, der hier die Grundlagen seiner später berühmten Farblehre entwickelte.
Mein Tipp
Die Bauhaus-Universität ist Teil meiner Tour Weimar vollständig, die Architektur und Design in den größeren Bogen der Stadtgeschichte einordnet. Wer sich speziell für Bauhaus interessiert, kann den Rundgang aber auch eigenständig zusammenstellen, Bauhaus-Museum und Gauforum liegen innerhalb weniger Gehminuten voneinander entfernt. Zur Bauhaus Universität, der Keimzelle des Bauhauses, kommt man gemütlich durch den Park an der Ilm. Auf Anfrage baue ich daraus auch gern eine eigene, vertiefte Themenführung.


